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96 Jahre Shure

15.10.2021 by Klangfarbe


Der Fortschritt, den Shure anstrebt, besteht darin, das zu tun, was richtig ist, nicht in der Entscheidung, bloß mit etwas durchkommen zu wollen.“

Diese Worte des Firmengründers Sidney N. Shure muten in Zeiten von Facebook, Google und ähnlichen Unternehmen wie eine Weisheit aus einer längst vergangenen Epoche an. Und in gewisser Weise sind sie das auch. Immerhin besteht Shure seit den 1920er Jahren einer Dekade, in der Computer und erst recht das Internet noch ein ferner Traum waren.


DIE FRÜHEN JAHRE

Gegründet wird Shure 1925 in Chicago. Sidney Shure möchte sein Hobby zum Beruf machen: Als begeisterter Bastler fertigt er seit Längerem seine eigenen Radios und bietet nun Sets für den Eigenbau dieser Geräte an. Zunächst tritt Shure als reines Katalogunternehmen auf. Ähnlich wie in den Siebzigerjahren, bevor die ersten PCs professionell hergestellt wurden, das Anfertigen eigener Computer der letzte Schrei unter Nerds war, ist der Eigenbau von Radios damals ein beliebtes Hobby. Doch als Radios in den Dreißigerjahren schließlich in jedem Elektrogeschäft zu relativ niedrigen Preisen erhältlich werden, bricht Shures Geschäft ein.

Um die entstehenden Verluste auszugleichen, vertreibt Sidney Shure nun auch Mikrofone anderer Hersteller. Etwas später folgen eigene Schallwandler. Allerdings sucht man noch nach technischen Innovationen, die Shure einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz ermöglichen könnten. Ralph Glover, erster Ingenieur der noch jungen Firma, bekommt deshalb 1936 den Auftrag, Nachwuchstalente für den neuen Produktbereich anzuwerben. „Glover wandte sich an Professoren seiner alten Uni, die ihm bis auf einen vielversprechenden Studenten aber niemanden nennen konnten“, sagt Shure-Archivar Michael Pettersen. „Glover entschloss sich, dem jungen Mann namens Ben Bauer eine Chance zu geben. Ein wahrer Glücksgriff, wie sich wenig später zeigen sollte.“


UNIPHASE ACOUSTICAL NETWORK

Bereits ein Jahr später überrascht Bauer, der damals erst 24 Jahre alt ist, mit einem Geniestreich und entwickelt das sogenannte „Uniphase Acoustical Network“. Bei diesem Feature handelt es sich um eine besondere Weise, den Pfad der Schallwellen innerhalb eines Mikrofons und so die Richtcharakteristik des Geräts zu gestalten (also die Winkelabhängigkeit der Stärke empfangener oder gesendeter Wellen, sprich die Richtung, in die das Mikro am empfindlichsten reagiert). Konkret sorgt das Uniphase Acoustical Network für eine sogenannte Nierencharakteristik mit vergleichbar hoher Richtwirkung in nur eine Richtung.

„Ich denke, dass dieses Funktionsprinzip heute in rund 95 Prozent aller Mikrofone auf dieser Welt zum Einsatz kommt“, sagt Pettersen. „Bauer war ein Genie.“ Wollte man vor der Erfindung des Uniphase

Acoustical Networks die Richtwirkung eines Mikrofons bestimmen, war es notwendig zwei separate Elemente im Gerät zu kombinieren (eine sogenannte Kugel- beziehungsweise Achter-Charakteristik). Was doppelt so teuer, deutlich aufwendiger in der Fertigung und außerdem störanfälliger als Bauers Lösung war.

„Hätte Shure Ben Bauer nicht angestellt“, sagt Pettersen, „dann würde es diese Firma heute nicht mehr geben – oder zumindest wären wir ein ganz anderes Unternehmen.“ Pettersen stieß im Shure-Archiv irgendwann in einem Labornotizbuch auf die Originalzeichnung zur ersten Idee dieses wohl wertvollsten Patents in der Geschichte der Firma – einschließlich handschriftlicher Notizen von Bauer zur angedachten Funktionsweise. „Ich bekam Gänsehaut“, sagt Pettersen über den Moment, in dem er das Dokument zum ersten Mal in seinen Händen hielt.


UNIDYNE II

Das Uniphase Acoustical Network kommt auch im größten Produkterfolg des Unternehmens zum Einsatz, dem Shure Unidyne 55, das heute in kleinerer Version unter dem Namen 55S erhältlich ist (und auch unter dem Namen Elvis-Mic manchem ein Begriff sein dürfte). Dieser als Unidyne 55 bereits 1939 und später als 55S im Jahr 1951 vorgestellte ikonische Schallwandler verbindet klassisches Art-Deco-Design mit charaktervollem Sound und verbesserter Feedback-Kontrolle. Heute erinnert er vor allem an die goldene Zeit des Rock’n’ Roll und Rhythm and Blues in den Fünfzigerjahren. Kein Produkt ist länger im Sortiment von Shure – und zwar in technisch kaum veränderter Form. Lediglich das verwendete Material und die Produktionsweisen (Laserschweißtechnik etc.) des Unidyne II haben sich im Lauf der Jahre gewandelt, versichert Pettersen. Im Grunde verwende Shure für sein bekanntestes Produkt aber bis heute dieselbe Technologie.


OL‘ BLUE EYES UND DAS SM58

Zu den ganz großen Namen neben Elvis, die auf Shure-Produkte schwörten, gehörte früh Frank Sinatra, der ein SM58 nutzte. So vernarrt war „Ol‘ Blue Eyes“ in sein Mic, dass er kein anderes Modell als Gesangs- mikro duldete. „Wir entwickelten dann 1977 ein Mikro namens SM59 – ein mittlerweile längst vergessenes Produkt, das zwar der Nachfolger des SM58 war, optisch aber kaum Ähnlichkeiten aufwies“, erinnert sich Pettersen. „Wir wollten damals unbedingt Werbung für dieses neue Mikro machen. Mein Boss gab mir also die Aufgabe, mit dem SM59 in das Casino „Caesars Palace“ in Las Vegas zu gehen. Frank Sinatra trat dort auf und ich sollte seinen Tontechniker irgendwie davon überzeugen, dieses neue Mikro auszuprobieren. Ich war zu blöd, um zu sagen: »Boss, das ist keine gute Idee!«“

Pettersen schaffte es tatsächlich den Toningenieur davon zu überzeugen, das neue Mikro anzutesten. Als Sinatra zu den Proben erschien, meckerte er aber sofort: „Wo ist mein verdammtes SM58?“ Widerstre- bend willigte er jedoch – nach einiger Überzeugungsarbeit seines Tonmanns – ein, dem neuen Produkt eine Chance zu geben.

Der erste Song des Abends hieß „Come Fly With Me“. Sinatra hatte gerade mal acht Zeilen dieses Stücks gesungen, als er das SM59 wutentbrannt aus dem Mikroständer riss und über die Bühne schleu- derte. „Sinatras Toningenieur kam danach zu mir in die Sound-Booth, wo ich alles beobachtet hatte. Er händigte mir das SM59 aus und sagte mit sanfter Stimme: »Mr. Sinatra war nicht zufrieden.«“


ÜBERRASCHENDE EINSATZFELDER

Mit seiner Vorliebe für das SM58 steht Sinatra bekanntlich nicht alleine da. Was manchen jedoch überraschen dürfte: Dieses wohl beliebteste Live-Vocalmikrofon aller Zeiten wurde ursprünglich gar nicht für die Abnahme von Gesang auf der Bühne produziert, sondern vom Shure-Ingenieur Ernie Seeler für den Einsatz im Studio und als Interview-Mikro entwickelt (das Kürzel „SM“ steht für „Studio Microphone“). In diesen Einsatzfeldern erwies sich das SM58 allerdings als phänomenaler Flop. Im ersten Jahr 1966 verkaufte Shure lediglich 143 Exemplare. „Wir blicken hier bei Shure auf eine lange Geschichte zurück, in der wir hervorragende Produkte für einen bestimmten Zweck entwickelt haben, die Welt uns aber immer wieder sagte: »Nein, nein, dieses Gerät ist für diese andere Sache noch viel besser geeignet«“, erklärt Pettersen. „So machten wir im Laufe der Jahre oft den Eindruck, Genies zu sein, hatten aber im Grunde häufig nur Glück.“

Zum Entsetzen des Klassik-Fans Seeler trat das SM58 dann seinen Siegeszug in der Rock- und Pop- musik an. „Ernie hasste Rock’n’ Roll“, verrät Pettersen. „Immer wenn ihm jemand so etwas sagte wie »Hey, hast du gesehen, dass die Beatles dein SM58 nutzen« verzog er sein Gesicht.“ In die lange Liste der Produkte, die meist einem anderen Zweck dienen als dem eigentlich gedachten, gehört auch der Vorläufer des SM58, das beliebte dynamische Mikro SM57 (heute vor allem an der Snare-Drum und vor Gitarren-Amps zu finden). Das SM11, ein kleines Lavalier-Mic, fand dagegen durch die NASA Verwendung. Die Raumfahrt-Ingenieure nutzten es beim Start des Space-Shuttles zur Überwachung des Raketenantriebs. Womit die Liste ku- rioser Einsatzfelder längst noch nicht zu Ende ist. So werden etwa die ursprünglich im Zweiten Weltkrieg für Piloten erdachten Throat-Mics des Herstellers heute gern von Beatboxern eingesetzt. Das SM10, ein am Kopf zu tragendes Mikro, hatte Shure eigentlich für die Kommunikation von Kameraleuten im TV-Studio vorgesehen. Später wurde es aber von Schlagzeugern aufgegriffen, die Singen wollten, ohne dass eine Mikroständer ihre Bewegungsfreiheit einschränkte. „Man kann als Firma einfach nicht alle Einsatzzwecke voraussehen“, sagt Pettersen. „Gerade der Einsatz von kopfgebundenen Mikrofonen galt auf der Bühne lange als Quatsch. Heute nutzen Musiker, Theater-Schauspieler, singen- de Tänzer und viele andere diese Technik aber ganz selbstverständlich.“ Das aktuellste Beispiel für neue Einsatzfelder ist sicherlich der durchschlagende Erfolg des SM7B unter Podcastern und Gaming-Broadcastern. Zwar wurde dieses Mikro bereits 1973 vorgestellt, hat aber erst jetzt – im Zeitalter der sozialen Medien – seinen größten Erfolg und wurde im letzten Jahr öfter verkauft als in der gesamten Produktionszeit zuvor. „Glauben Sie, Apple hätte 35 Jahre gewartet, bis ein Produkt durch die Decke geht?“ fragt Pettersen. „Die warten nicht mal 35 Tage. Heute sprechen alle von Nachhaltigkeit. Aber wie wäre es damit, wenn man wieder mehr Geräte baut, die über Jahrzehnte eingesetzt werden können?“


GEDULDIGER GRÜNDER

Neben der Innovationskraft des Unternehmens Shure war es immer wieder die Geduld des Firmengründers Sidney Shure, Produkten auch über einen längeren Zeitraum eine Chance zu geben, die den Erfolg dieser Firma ausmacht. 1953 stellte Shure bereits sein erstes kabelloses Mikro vor, doch die neue Technik erwies sich als zu teuer und war außerdem auf unpraktische Vakuumröhren angewiesen. Erst Jahrzehnte entwickelte sich ein echter Markt für Wireless-Geräte. Zusammen mit Columbia/ CBS arbeitete Shure auch – im Geheimen – an der Einführung der Stereo-Schallplatte und stellte ab 1957 die ersten Stereo-Tonabnehmer für Schallplatten her. 25 Jahre sorgte dieses Segment für den größten Anteil des Umsatzes der Firma.

Pettersen zeichnet von Sidney Shure das Bild eines geduldigen, bescheidenen Menschen, der zwar nichts gegen hohe Profite hatte, aber vor allem der Welt etwas zurückgeben wollte. Rund 80 Prozent seines Vermögens, so Pettersen, soll Sidney Shure für wohltätige Zwecke gespendet haben. Fast 60 Jahre lebte das Ehepaar Shure im selben Apartment in Chicago und fuhr stets einen – nicht gerade des prunkverdächtigen – Buick. Helikopter, gigantische Yachten, und grandiose Villen? Fehlanzeige. Bis 1995 und einem stattlichen Alter von 93 Jahren führte Sidney Shure sein Unternehmen. Nach dem Tod des Firmengründers im selben Jahr übernimmt seine Frau Rose die Leitung von Shure. Beide sollen, so Pettersen, stets großen Wert auf Nähe zu ihren Angestellten gelegt haben. So kam es etwa dazu, dass Sidney Shure, der ein begeisterter Hobby-Fotograf war, das Personalfoto für jeden neuen Mitarbeiter schoss. Bevor er sich auf seine wöchentliche Runde durch die Abteilungen machte, überprüfte er diese Bilder, die er in seinem Büro abgeheftet hatte, um sicherzugehen, dass er sich an den Namen jedes Mitarbeiters erinnern würde.

Pettersen hat sich ausführlich mit der Biografie des Firmengründers befasst: Seine Lebensphilosophie etwa soll Sidney Shure, dessen Familie aus Litauen in die USA eingewandert war, zu einem großen Teil einem Text des Judentums, den Pirqe Avot („Sprüche der Väter“), entlehnt haben. Viele der moralischen Leitlinien, die Pettersen in seinem Betrieb manifestiert sah, fand er auch in diesem Schriftstück wieder. „Mr. Shure wollte ein erfolgreiches Geschäft“, sagt er. „Aber er wollte nachts auch gut schlafen können.“ Das Urteil darüber, wie weit ihm das gelungen ist, bleibt jenen überlassen, die Sidney Shure persönlich kannten. Fest steht aber: Mit seiner Firma hat dieser Mann ein Unternehmen hinterlassen, das die Welt von Musikern, Tontechnikern und vielen anderen zu einem besseren Ort gemacht hat – 96 Jahre lang. Ein Erbe, das vielleicht so manchem Hightech-Konzern unserer Tage zu denken geben sollte.

Autor: Paul Borchert

(Der Artikel ist ursprünglich im Backstage Magazin erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Shure & Backstage)